Hass-Liebe – Diablo 4: Lord of Hatred (PS5) im Test

Diablo 4: Lord of Hatred bringt neben zwei neuen Klassen und einer kompletten Überarbeitung des Skillsystems vor allem viel Bekanntes zurück. Warum das alles andere als schlecht, sondern die Rettung des ARPGs ist, klärt mein Test.

Diablo 4: Lord of Hatred – Die Story

Nachdem Nahantu in Vessel of Hatred (vermeintlich) gerettet wurde, könnten wir uns ja jetzt gemütlich in der Taverne mit Lorath und Neyrelle ein kühles Blondes genehmigen, oder? Mitnichten. Der hinterfotzige Mephisto, seines Zeichens Herr des Hasses, hat sich am Ende des letzten Add-Ons den Körper des Propheten Akarat geschnappt und macht nun die von Griechenland inspirierten Inseln von Skovos unsicher. Aber wenn eins der großen Übel glaubt, ungestört Verheerung und Hass streuen zu können, hat es nicht mit meiner Lootsucht gerechnet, die auch nach 1650 Stunden Spielzeit noch nicht genug Hornhaut auf meinen Daumen produziert hat um mich vom weiteren Dämonenschnetzeln abzuhalten.

Wieder bei Mami einziehen?

Die Kampagne um einen falschen Propheten, der seine Herde meisterlich täuscht und im Schafsfell der Liebe und Einigkeit predigt, eigentlich aber Hass und Spaltung . Dennoch hat sie eine erzählerische Tiefe, die den meisten Charakter*innen genug Raum zur Entfaltung lässt. Besonders Eine wohnt dauerhaft mietfrei in unserem Kopf. Die bizarre Zweckgemeinschaft, die wir dabei mit einer gewissen Gehörnten eingehen müssen, der wir im Hauptspiel und zahlreichen Seasons vielfach nach dem dämonischen Leben getrachtet haben, war für mich ein besonders großer Reiz an der Geschichte.

Diablo 4: Lord of Hatred

Akarat: Großes Übel im Schafspelz – Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Daddy Issues

Wir verbünden uns nämlich ausgerechnet mit Lilith, Mephistos Tochter und Mutter der Menschheit in Personalunion. Die hat immer noch ein Huhn mit ihrem Papa zu rupfen und ist natürlich durchaus froh, wenn wir Mephisto endgültig in die Leere schicken, während sie sich das erste Reihe fußfrei von unserem Hinterkopf aus ansehen kann. Mehr spoile ich nun nicht, denn die Geschichte hat wirklich einige Überraschungen und Wendungen parat. Die Dialoge sitzen jedenfalls, die Atmosphäre ist dicht und die meisten Charakter*innen tragen die knapp 15 Stunden lange Geschichte bis zum Abschluss der Mephisto-Storyline.
Es gibt natürlich auch wieder ein paar Nebenquests, die sich aber bis auf ein, zwei Ausnahmen wie das x-te Hol- und Bringspiel anfühlen und deshalb erzählerisch im Vergleich zur Kampagne ziemlich abstinken.

Diablo 4: Lord of Hatred

Mephisto ist kein Pudel – Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Das Cliffhanger-Ende Vessel of Hatred machte manche Spieler*innen von Diablo 4 – mich eingeschlossen – zum titelgebenden Gefäss. Selten zuvor war man zurecht so sauer auf eine Firma, die seit ihren Anfängen besonders durch ihr großartiges Storytelling auffiel, bei diesem Expansion aber gefühlt bei der Hälfte der Story erstmal keinen Bock mehr hatte, weiter zu erzählen. Dank der Kampagne von Diablo 4: Lord of Hatred bin ich aber wieder besänftigt, man könnte sagen ich bin wieder Herr meines Hasses 😉 Sorry ich bin 40, hab eine Tochter und entsprechend stehen mir derart schlechte Dad-Jokes zu.

Return of the Hammer-din

Diablo 4: Lord of Hatred

Paladin macht Paltschinken aus Dämonen – Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Was wäre eine anständige Diablo-Erweiterung ohne neue Klassen? Genau, ziemlich witzlos. Zum Glück liefert Blizzard hier gleich doppelt ab. Da hätten wir zum einen den Paladin, ein Community-Liebling, der wie im legendären zweiten Serienteil mit Auren bufft und mit heiligem Licht auf die Dämonenbrut einhämmert. Wer die Erweiterung vorab gekauft hat, durfte den Zakarum-Krieger schon seit einigen Monaten gegen die höllischen Horden in die Schlacht führen. Und was soll ich sagen? Er spielt sich genau so wuchtig und befriedigend, wie man es in Erinnerung hat. Mit Schild und Flegel bewaffnet pflügen wir durch die infernalen Plagegeister, rufen das Licht an und fühlen uns wie die personifizierte Gerechtigkeit auf zwei Beinen. Perfekt für alle, die gerne mitten im Getümmel stehen und den Rackern der Hölle das Fürchten lehren wollen.

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Hex Hex!

Der Warlock, also der Hexenmeister ist das Gegenstück zum weißen Ritter. Wenn euch der Paladin zu sauber und brav ist, taugt euch der Dämonen beschwörende Dunkelmagier sicher vollends. Der Warlock pfeift auf göttliches Licht und nutzt stattdessen die Kräfte der Hölle gegen sie selbst. Der beschwört munter fiese Dämonen, wirkt Siegelmagie oder schlüpft auch schonmal selbst in die Haut eines Höllenwesens. Die Summoner-Klasse macht unglaublich viel Spaß und bringt eine tolle Dynamik in die Kämpfe. Jetzt nannte ich die Klassen eingangs neu…

Diablo 4: Lord of Hatred

Der Hexendok… Äh Meister als neue Klasse – Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Alter Wein in neuen Schläuchen? Hauptsach s‘ballert!

Das stimmt so aber nicht ganz, denn den Paladin gabs eben schon in Diablo 2 und er hat sich nicht wirklich verändert. Auch den Warlock gibts seit Neuestem im letztgenannten Serienteil. Das ist aber nicht mein Punkt. Ich persönlich empfinde den Dämonenmagier nämlich nicht als wirklich neu. Er ähnelt in seinen Skills ziemlich dem Hexendoktor aus Diablo 3. Die Ähnlichkeit zwischen dem Gargantuan des Urwaldschamanen und dem Rampage-Demon des Warlocks, bzw. gleicht der Zombiewall mitsamt seiner Skill-Abwandlungen eins zu eins der Wall of Agony des Hexenmeisters.

Diablo 4: Lord of Hatred

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Natürlich ist der Warlock kein reiner Reskin, sondern eher eine Erweiterung des Witch Docs, denn er hat auch gestaltwandlerische Skills, die vom Druiden entliehen scheinen. Da der Hexendoktor in Diablo 3 eine meiner Lieblingsklassen war, empfinde ich das jetzt wirklich nicht als Negativpunkt, aber von wahrlich neuen Klassen kann aber auch nicht die Rede sein. Wichtig ist am Ende nur, dass es zusätzliche spaßige Spielmechaniken gibt, um die Ausgeburten der Hölle in selbige zurück zu schicken.

Keine passive Aggressivität mehr

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Seit dem Hauptspiel verteilte man, sobald mal die Build-spezifischen Skills erlernt waren, einfach die restlichen Skillpunkte auf generelle passive Talente, die stumpf den Schaden um ein paar Prozent erhöhten oder andere Synergien verstärkten. Lord of Hatred kübelt nun nicht nur die Spezialpassiva der einzelnen Klassen hier ein ganz anderer Wind. Die Talentsystem wirkt nun so, als habe man die ein Best-of aus Diablo 2 und Diablo 3 erstellt.

I‘m a (Power-)Creep

Einerseits lassen sich nun wie im zweiten Serienteil bis zu 15 Punkte in die einzelnen Skills investieren, zwei von vier talentspezifischen Passiva zuschalten und zu guter Letzt einen von drei unterschiedlichen Modifikatoren auswählen, was stark an die Skillrunen aus Teil 3 erinnert.

Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Dadurch fühlen sich selbst bekannte Klassen plötzlich wieder ganz neu an. Das Rumtüfteln an Builds bis hin zum Minmaxing macht so wieder richtig Freude. Erst recht, da durch Item-Boni nochmal weitere Talentstufen hinzukommen können, sodass die finale Skillstufe sich in den 30ern ansiedelt. Power-Creep anyone?

But wait: there‘s more!

Diablo 4: Lord of Hatred

Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Neben den Klassen hat Blizzard an ganz vielen kleinen und großen Stellschrauben gedreht. Der absolute Star für alle Nostalgiker dürfte die Rückkehr des Horadrim-Würfels sein. Der Würfel bringt das geliebte Herstellen und Umwandeln von Gegenständen zurück und liefert so mehr Kontrolle über Beute und Buildprogression.

Und wo wir gerade von Beute sprechen: ein riesen Dank an die Community, dass sie den Entwickler*innen so lange in den Ohren gelegen ist, dass sie doch endlich einen Loot-Filter (der in den meisten ARPGs zum Standard gehört) einbauen mussten. Endlich quillt unser Inventar nicht mehr nach jedem zweiten Nightmare-Dungeon oder zehn Minuten in der Helltide mit nutzlosem Kram über. Wir können jetzt haarklein einstellen, welche Gegenstände überhaupt auf unserem Bildschirm angezeigt werden sollen. Das spart ungemein viel Nerven und wertvolle Lebenszeit.

Diablo 4: Lord of Hatred

Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Obendrauf kommt noch der neue Horadrim-Talisman. Durch diesen schaffen es nun indirekt die beliebten grünen Set-Items ins Spiel, jedoch ohne dass eine zu eingeengte Meta entsteht, da die Talisman Glyphen nicht mehr die Wahl des Equipments einschränken . Es gibt also an allen Ecken und Enden etwas Neues zu entdecken und zu optimieren.

Wahl der Qual

Diablo 4: Lord of Hatred

Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Als wäre das noch nicht genug, wurde das Schwierigkeitssystem komplett auf den Kopf gestellt. Vergießt keine Träne für die alten vier Qual-Stufen, denn jetzt gibt es sage und schreibe zwölf Torment-Levels. Allerdings verändern die letzten beiden Stufen den Loottable nicht mehr, sondern dienen nur noch dem Flex, weil mans eben kann. Das sorgt für eine viel feinere Anpassung an das eigene Können und die aktuelle Ausrüstung.

Mörder Playlist…

Das eigentliche Spiel fängt bei einem Diablo ja bekanntlich erst an, wenn der Abspann über den Bildschirm flimmert. Bisher hat man im Endgame hauptsächlich alle Aufgaben, je nach gewünschtem Loot-Drop oder Levelingfortschritt im Pulk gespielt, was eine gewisse Monotonie erzeugte.

Diablo 4: Lord of Hatred

Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Das neue System der Kriegspläne sorgt für eine unheimlich motivierende Endgame-Schleife, in der es mal ein Lair-Boss zu legen gilt, gefolgt von einer Pit und abgerundet mit einem Nightmare-Dungeon. Vergleichbar ist das wohl am besten mit einer Playlist eurer Lieblingssongs. Habt ihr dann eine Aktivität abgeschlossen, beamt euch das Game sogleich zur nächsten und seid ihr schlussendlich mit einem War-Plan durch, erwartet euch ein großer Lootcache als Abschlussgoodie.

Diablo 4: Lord of Hatred

Bild-Copyright by Blizzard Entertainment

Früher gab es immer wieder Phasen, in denen sich der Spielfluss zäh wie Kaugummi anfühlte. Das gehört nun der Vergangenheit an.

Fazit zu Diablo 4: Lord of Hatred:

Lord of Hatred ist genau die Erweiterung geworden, die Diablo 4 gebraucht hat. Eigentlich möchte man meinen, Blizzard hätte nach dem berühmt-berüchtigten Blizzcon-Smartphone-Debakel gelernt, schnellstmöglich auf die Wünsche der Diablo-Spieler*innen einzugehen, aber die Lernkurve der Spieleschmiede ist wohl eher flach, bedenkt man, dass Diablo 4 erst 3 Jahre auf dem Markt sein musste, damit der stete Community-Tropfen endlich mal den Steinkopf der Blizzard Führungsebene höhlt. Leicht sarkastisch sag ich mal „Besser spät als nie!“

Wie dem auch sei: Blizzard hat spät aber doch eingesehen, dass der beste Project-Lead für ein Servicegame die Fans sind und hat ihnen mit Lord of Hatred genau gegeben wonach sie seit Jahren schreien. Eine gute runde Story, die Rückkehr beliebter Klassen wie dem Paladin und dem Warlock (aka Hexendoktor-Druiden-Remix) und eine Überarbeitung des Talentsystems. Zusammen mit den sinnvollen Quality-of-Life Verbesserungen wie Loot-Filter, dem Horadrim-Würfel und den motivierenden War Plans schnürt Blizzard hier ein Paket, an dem kein Fan der Reihe vorbeikommt. Wer also mal wieder Lust hat, die komplette Freizeit für die Jagd nach dem perfekten Item zu opfern, der sollte schleunigst die Koffer für Skovos packen und auch Liebe für den Herrn des Hasses entdecken.

Wertung: 9.2 Pixel

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